Sterbewunsch bedeutet der Wunsch nach Sterben? Grundsätzlich ja. Aber dazu gehört noch mehr. Ein Sterbewunsch kann sich verändern, unterschiedliche Formen annehmen und sich in verschiedenen Lebenssituationen ganz unterschiedlich äußern. Dustin Schubert, Gründer und Geschäftsführer von Linus Sterbehilfe erklärt, warum es so wichtig ist, genauer hinzusehen, um Menschen mit einem Sterbewunsch zu verstehen.
Dustin, was steckt hinter dem Begriff „Sterbewunsch“?
Grundsätzlich wird unter einem „Sterbewunsch“ die Haltung verstanden, bei der ein Mensch den Wunsch äußert, das eigene Leben zu verkürzen oder zu beenden. Dieser Wunsch kann sich in vier unterschiedlichen Dimensionen äußern.
Zum einen gibt es den passiven Sterbewunsch. Dabei handelt es sich um den bloßen Wunsch nicht mehr da zu sein oder nicht mehr aufwachen zu wollen. Beim aktiven Sterbewunsch hat der Betroffene das Bedürfnis selbst etwas zu tun, um den Tod herbeizuführen. In dem Fall sprechen wir von Suizid. Die meisten unserer Patienten haben einen Sterbewunsch bei schwerer Krankheit. Sie sehnen sich nach Autonomie und nach einem Ende der Erkrankung. Dabei ist es allerdings schwierig zu entscheiden, ob der erkrankte Mensch wirklich frei und selbstbestimmt entscheidet oder ob die Erkrankung die Entscheidung beeinflusst. Aktuell wird noch genau daran geforscht, anhand welcher Kriterien sich eine selbstbestimmte Entscheidung von krankheitsbedingten Einflüssen unterscheiden lässt. Die vierte Form ist der ambivalente Sterbewunsch. Patienten schwanken dabei ständig zwischen „leben und sterben wollen“.
Wie geht Linus mit Patienten um, die einen ambivalenten Sterbewunsch haben?
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil von 2020 festgehalten, dass Freiverantwortlichkeit eine zwingende Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Sterbehilfe sein muss. Darunter fällt die Anforderung, dass der Sterbewunsch eine gewisse Dauerhaftigkeit und innere Festigkeit aufweisen muss. Das leben wir auch so bei Linus: Bei Menschen, die einen ambivalenten Sterbewunsch aufweisen, können wir diese Dauerhaftigkeit und innere Festigkeit nicht feststellen. In solchen Fällen führen wir keine Sterbehilfe durch, versuchen die Patienten aber durch alternative Angebote, wie beispielsweise die Vermittlung an palliative Versorgung, nicht alleine zu lassen.
Du sprichst von Dauerhaftigkeit und innerer Festigkeit. Woran lässt sich die Stabilität eines Sterbewunsches festmachen?
Die Wissenschaft differenziert zwischen drei verschiedenen Arten. Der stabile Sterbewunsch besteht im gleichen Ausmaß über Wochen und Monate hinweg. In dem Fall kann eine Dauerhaftigkeit und innere Festigkeit festgestellt werden. Der fluktuierende Sterbewunsch schwankt je nach Symptomverlauf, Krisen oder Entlastung. Auch akute Überforderung, Angst oder Schock kann den Wunsch auslösen nicht mehr da zu sein. Dann sprechen wir von einem situativen Sterbewunsch. Diese Differenzierungen sind wichtig, weil sich aus ihnen Anforderungen für klinische, psychosoziale oder ethische Einschätzungen ergeben können.
Unsere Aufgabe besteht darin, ganz genau zu prüfen, wie stabil der geäußerte Sterbewunsch ist, um letztendlich feststellen zu können, ob eine Freiverantwortlichkeit vorliegt.
Für gesunde Menschen ist der Wunsch nach dem Lebensende nur schwer vorstellbar. Welche Gründe können der Auslöser dafür sein, warum manche Menschen einen Sterbewunsch – in welcher Form auch immer – empfinden?
Ja, das stimmt. Und deswegen ist es wichtig, sich die individuellen Lebenssituationen und Beweggründe der Menschen anzuschauen, die Sterben möchten. Wir müssen das nicht selbst nachempfinden können, aber wir sollten versuchen, dafür Verständnis aufzubringen und ihnen das Gefühl geben sie ernst zu nehmen.
Es gibt unterschiedliche Studien aus Palliativmedizin, Psychologie und Sozialwissenschaften, die verschiedene, aber wiederkehrende Motive beschreiben. Bei vielen liegt eine schwere Krankheit zu Grunde. Spannend ist aber, dass reine Schmerzsymptome selten das Hauptmotiv sind. Vielmehr handelt es sich um mehrdimensionale Belastungen.
Wie bereits erwähnt, wünschen sich Betroffene häufig die Autonomie und Kontrolle zurück, die sie einst hatten. Sie haben Angst, nicht mehr in der Lage zu sein, das eigene Leben und den Krankheitsverlauf selbst zu bestimmen. Damit einher geht das Empfinden von Würdeverlust: Betroffene fühlen sich abhängig und fremd im eigenen Körper. Trotz medizinischer Behandlung empfinden viele Patienten die eigene Lebensqualität als nicht mehr lebenswert. Manche Betroffene empfinden einen chronischen oder komplexen Leidensdruck, der sich nicht nur in körperlichen Symptomen äußert. Mit der Inanspruchnahme von Sterbehilfe möchten sie dem Leiden ein Ende setzen. Es gibt aber auch Patienten, die ein Gefühl der Vollständigkeit empfinden. Sie sagen, das eigene Leben sei „abgeschlossen“ oder „vollständig gelebt“. Das ist beispielsweise bei älteren Menschen der Fall, die einsam sind und ihre geliebten Menschen bereits verloren haben. Sie sehen im Leben keinen Sinn mehr.
Wechseln wir einmal die Perspektive: Wie sollen Angehörige mit dem Sterbewunsch einer Person umgehen, die ihnen nahesteht?
Für nahestehende Personen, sei es Familie oder Freunde, ist es nie leicht, wenn ein geliebter Mensch den Wunsch äußert sterben zu wollen. Angehörige fühlen sich von einer solchen Aussage oft überfordert und verunsichert. Gleichzeitig fragen sie sich häufig, ob sie etwas falsch gemacht haben. Wir wissen, dass der Wunsch nach dem Lebensende unterschiedliche Gründe haben kann. Das Beste, was Angehörige tun können: für den Betroffenen da sein, zuhören und ihn ernst nehmen. Er darf nicht das Gefühl bekommen, sich für seinen Wunsch rechtfertigen zu müssen.
Doch nicht alle, die einen Sterbewunsch äußern, wollen zwingend sterben. In manchen Fällen ist der Sterbewunsch die einzige Möglichkeit, sein Leid auszudrücken. Betroffene sehen in dem Moment keine andere Option mehr. Daher gilt es in dieser schweren Zeit herauszufinden, was tatsächlich hinter dem Sterbewunsch steckt. Wenn der Sterbewunsch beispielsweise auf unerträgliche Schmerzen zurückzuführen ist, die durch die richtige Therapie möglicherweise gelindert werden können, kann der Lebenswille zurückkehren. Klarheit über den Sterbewunsch kann auch Angehörigen dabei helfen, den Trauerprozess besser zu bewältigen.
Klar ist aber, dass die Situation für Angehörige auf Dauer zu einer psychischen und körperlichen Belastung werden kann. Daher ist es wichtig, sich auch bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen und auf die eigenen Gefühle und das eigene Empfinden zu achten. Zusätzlich sind Selbsthilfegruppen eine geeignete Anlaufstelle, um sich mit Personen in ähnlichen Situationen auszutauschen. Schon das kann dabei helfen zu spüren, dass man nicht allein ist.

