Wenn ein geliebter Mensch selbstbestimmt sterben möchte, geraten Angehörige oft in einen inneren Spagat: Sie wollen die Entscheidung respektieren und kämpfen gleichzeitig mit Angst, Trauer oder Schuldgefühlen. „Keine Begleitung ist wie die andere“, sagt Julia Buttel, Freitodbegleiterin bei Linus. Was sie über die Jahre gelernt hat: Angehörige brauchen nicht nur Informationen. Sie brauchen einen Raum, in dem auch ihre eigenen widersprüchlichen Gefühle Platz haben.
Julia, du bist seit den Anfängen von Linus dabei und hast inzwischen viele Freitodbegleitungen erlebt. Wenn du an diese Zeit zurückdenkst: Was hat dich am meisten geprägt?
Julia Buttel: Vor allem die Erkenntnis, dass wirklich keine Begleitung wie die andere ist. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, seine eigene Familie, seine eigene Vorstellung davon, was ein selbstbestimmtes Lebensende bedeutet.
Es gibt Menschen, die sehr klar und gefasst in eine Begleitung gehen. Andere sind bis zuletzt sehr ambivalent. Manche Familien können offen miteinander sprechen, andere tun sich damit schwer. Manchmal sitzen mehrere Generationen zusammen, manchmal möchte ein Mensch den letzten Weg nur im kleinen Kreis gehen. Diese Unterschiedlichkeit erlebt man in jeder einzelnen Begleitung aufs Neue. Genau das macht diese Aufgabe für mich auch so besonders.
Wenn du an deine ersten Begleitungen zurückdenkst: Was ist heute anders als damals?
Julia Buttel: Man entwickelt mit der Zeit ein Gespür dafür, welche Fragen auftauchen können und was Menschen in dieser Situation beschäftigt. Gleichzeitig habe ich gelernt, mich nicht auf vermeintlich Bekanntes zu verlassen.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, jede Familie ihre eigene Dynamik. Deshalb interessiert mich zunächst: Was bewegt diesen Menschen wirklich? Was bedeutet sein Sterbewunsch für ihn und was bedeutet er für die Menschen, die ihm nahestehen?
Erfahrung gibt einem dabei eine gewisse Ruhe. Man muss nicht jede Unsicherheit sofort auflösen und kann auch aushalten, wenn ein Gespräch zunächst keine eindeutigen Antworten bringt. Das schafft Raum dafür, genau hinzuhören und den Menschen vor sich wirklich wahrzunehmen.
Angehörige stehen in dieser Situation oft zwischen ganz unterschiedlichen Gefühlen und Fragen. Was begegnet dir in den Gesprächen mit ihnen?
Julia Buttel: Sehr oft eine große Ambivalenz. Da ist einerseits der Wunsch, den Angehörigen zu unterstützen und seine Entscheidung zu respektieren. Gleichzeitig steht da natürlich die eigene Trauer und manchmal auch die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch anders kommen könnte.
Angehörige fragen sich zum Beispiel: „Mache ich etwas falsch, wenn ich diesen Wunsch akzeptiere?“ Oder: „Bin ich ein schlechter Angehöriger, wenn ich sage, dass ich das nicht möchte?“
Das sind sehr menschliche Fragen und ich finde es wichtig, dass Angehörige wissen: Sie müssen nicht sofort eine eindeutige Haltung haben.
Das klingt nach einem Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und der eigenen emotionalen Reaktion.
Julia Buttel: Ja. Und beides darf nebeneinanderstehen. Man kann die Entscheidung eines Menschen respektieren und gleichzeitig traurig darüber sein. Man kann verstehen, warum jemand diesen Weg gehen möchte, und trotzdem Angst davor haben. Oder man kann sogar erleichtert sein, dass ein Mensch nach langer schwerer Erkrankung eine für ihn stimmige Entscheidung getroffen hat und sich anschließend wegen dieser Erleichterung schuldig fühlen.
Solche Gefühle sind nicht ungewöhnlich. Angehörige sollten nicht den Anspruch haben, in dieser Situation „richtig“ fühlen zu müssen.
Was brauchen sie stattdessen?
Julia Buttel: Orientierung. Sie möchten verstehen, was der Sterbewunsch bedeutet, wie eine Begleitung grundsätzlich abläuft und welche Rolle sie selbst dabei haben können. Aber sie brauchen auch jemanden, der ihre ganz persönlichen Fragen beantwortet.
Manche möchten wissen: „Darf ich dabei sein?“ Andere fragen: „Was sage ich meinen Kindern?“ Oder: „Wie kann ich mich verabschieden?“ Und manchmal ist die wichtigste Frage überhaupt: „Ist es in Ordnung, dass es mir damit so schlecht geht?“
Welche Rolle kannst du als Begleiterin dabei übernehmen?
Julia Buttel: Zunächst einmal die, zuzuhören und Orientierung zu geben. Ich kann aber natürlich nicht die Entscheidung für jemanden treffen und das ist auch nicht meine Aufgabe.
Bei Linus wird jeder Sterbewunsch individuell und sorgfältig betrachtet. Dabei wird unter anderem geprüft, ob die betroffene Person entscheidungs- und urteilsfähig ist, den Wunsch aus freiem Willen und ohne äußeren Druck geäußert hat und ob dieser Wunsch über einen längeren Zeitraum hinweg stabil besteht. Auch die Angehörigenperspektive spielt eine Rolle – insbesondere die Frage, ob und wie das Umfeld die Entscheidung beeinflusst. Entscheidend bleibt: Der Wunsch muss aus der Person selbst heraus entstehen, und die Entscheidung über das eigene Lebensende muss bei ihr liegen. Für Angehörige kann es hilfreich sein zu wissen, dass diese Fragen sehr sorgfältig betrachtet werden. Das schafft manchmal eine gewisse Sicherheit.
Gibt es Momente aus deinen Begleitungen, die dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Julia Buttel: Es sind oft gar nicht die großen oder dramatischen Momente. Es sind manchmal ganz kleine Situationen. Ein gemeinsames Frühstück am Morgen. Musik, die jemand unbedingt noch hören möchte. Ein Foto, das auf dem Tisch steht. Ein Familienmitglied, das plötzlich etwas erzählt, worüber jahrelang nicht gesprochen wurde.
Ich habe erlebt, wie unterschiedlich Menschen Abschied nehmen. Manche möchten reden bis zum Schluss, andere brauchen Ruhe. Manche Familien sind sehr emotional, andere erleben den Tag fast erstaunlich ruhig.
Was mir dabei immer wieder auffällt: Wenn Menschen die Möglichkeit bekommen, diesen Moment so zu gestalten, wie es zu ihnen passt, entsteht häufig eine besondere Atmosphäre.

