Sarah ist Pflegefachkraft und Palliativbegleiterin. Zu einer ihrer Klientinnen entwickelte sich über die Jahre eine enge Freundschaft. Die Erkrankung ihrer Freundin führte schließlich dazu, dass diese den Wunsch äußerte, assistierte Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Dass dies in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen mittlerweile straffrei möglich ist, erfuhr sie dabei zum ersten Mal. Auf Wunsch ihrer Freundin wandte sich Sarah somit an Linus.
Wer aus deinem Umfeld hat sich für assistierten Suizid entschieden und warum?
Sarah: Das war eine Klientin von mir. Sie hatte Parkinson und benötigte Unterstützung bei der wöchentlichen Pflege. Ich habe sie fünf Jahre lang auf der Sozialstation begleitet.
Nach einem medizinischen Eingriff, der aufgrund ihrer Erkrankung notwendig war, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zunehmend. Das war ungefähr sechs Monate vor dem assistierten Suizid. Sie selbst war Ärztin und wusste, dass keine Heilung mehr möglich sein wird. In der Zeit wurde ihr Wunsch selbstbestimmt zu sterben immer größer. Daher informierte sie sich bereits über assistierten Suizid, kannte aber nur Möglichkeiten im Ausland.
Die Pflege deiner Klientin war für dich weit mehr als nur Arbeit. Über die Jahre entwickelte sich zwischen euch eine enge Freundschaft. Wie hast du den Moment wahrgenommen, als du zum ersten Mal über den Sterbewunsch deiner Freundin erfahren hast?
Sarah: Ich glaube, dass es mir durch meine professionelle Distanz leichter fiel, Verständnis für ihren Wunsch aufzubringen. Als Pflegefachkraft und Palliativbegleiterin erlebe ich viele Menschen, deren Lebensqualität über einen langen Zeitraum stark eingeschränkt ist. Viele sind ans Bett gebunden, leben zunehmend isoliert und nicht selten sind auch die Angehörigen längst an ihre Belastungsgrenzen gekommen. Diese Erfahrungen haben meine Haltung geprägt. Ich bin der Meinung, dass das Sterben für einen Menschen auch eine Erlösung sein kann.
Meine Freundin erzählte mir, was durch ihre Erkrankung alles nicht mehr möglich war, was sie früher gerne gemacht hatte und wie ihr Leben vor der Diagnose aussah. Die Erkrankung schränkte sie zunehmend ein. Ich habe selbst miterlebt und gesehen, wie sehr sich ihr Zustand verschlechterte. Das Beste, was ich in dieser Situation tun konnte, war daher, ihr zuzuhören und zu versuchen, ihre Gedanken und Beweggründe nachzuvollziehen.
Wie ist deine Freundin auf Linus als Freitodbegleitung gestoßen?
Sarah: Ich bin auf Linus über die sozialen Medien aufmerksam geworden und habe ihr anschließend davon erzählt. Bis dahin wusste sie nicht, dass ein assistierter Suizid unter bestimmten Voraussetzungen auch in Deutschland straffrei möglich ist. Diese Information war für sie ein Segen, wie sie mir mehrfach sagte. Die Vorstellung, zu Hause in ihrem eigenen, vertrauten Umfeld sterben zu können, empfand sie als wunderschön, erlösend und zugleich beruhigend.
Du berichtest, dass du durch deine Arbeit bereits negative Erfahrungen gemacht und auch schwierige Abschiede erlebt hast, die du als wenig würdevoll empfunden hast. Was meinst du damit konkret?
Sarah: Ich erlebe viele würdevolle Begleitungen, bei denen Hausärzte, die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) und Pflegedienste Hand in Hand arbeiten. Zu sehen, wie gut eine solche Versorgung funktionieren kann, empfinde ich als sehr positiv. Leider gibt es aber auch Fälle, in denen Menschen nicht gehen können oder dürfen. Der Sterbeprozess kann sich dann über Tage oder sogar mehrere Wochen hinziehen und von Schmerzen, Angst und Unruhe begleitet sein. Das ist sowohl für die betroffene Person als auch für die Angehörigen schwer auszuhalten und sehr belastend.
Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Tag des Abschieds: Wie hast du den Prozess aus Sicht eines Angehörigen wahrgenommen?
Sarah: Ich war vom ersten Tag bis zuletzt an ihrer Seite. Ich habe den ersten Kontakt zu Linus hergestellt, sie beim Arztgespräch für die Erstellung des Gutachtens unterstützt und sie bis zum Tag der Freitodbegleitung begleitet. In dieser Zeit war ich emotional für meine Freundin und Klientin da und habe versucht, sie bestmöglich zu unterstützen.
Durch meine berufliche Erfahrung konnte ich dabei eine gewisse professionelle Distanz wahren. Für ihre engsten Angehörigen, die auch am Tag ihres Todes dabei waren, war das verständlicherweise schwieriger. Sie sagten immer wieder: „Der Verstand sagt Ja zu der Entscheidung, aber im Herzen tut es weh.“
Linus hat uns während des gesamten Prozesses sehr professionell begleitet und auch die Angehörigen einbezogen. Meine Freundin hatte damit einen Begleiter an ihrer Seite, der sie auf ihrem selbst gewählten Weg unterstützte und ihr ermöglichte, ihr Leben so zu beenden, wie sie es sich gewünscht hatte: würdevoll, ohne Schmerzen und selbstbestimmt.

